Sexismus

Se|xis|mus [zɛ'ksɪsmʊs], der; -, Sexismen [zɛ'ksɪsmən]:
a) <ohne Plural> von der Vorstellung, dass ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei, getragene Diskriminierung, besonders von Frauen durch Männer:
Sexismus beginnt schon bei nicht geschlechtsneutraler Formulierung von Stellenanzeigen; Sexismus und Rassismus sind üble Formen von Diskriminierung.
Syn.: Chauvinismus.
b) auf Sexismus (a) beruhende einzelne Äußerung, Verhaltensweise o. Ä.:
das Wort »Milchmädchenrechnung« ist ein Sexismus; der Alltag in patriarchalischen Gesellschaften ist voller Sexismen.

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Se|xịs|mus 〈m.; -; unz.〉 Überbewertung der geschlechtlichen Unterschiede zw. Mann u. Frau (die zur Benachteiligung der Frau im gesellschaftlichen Leben führt)

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Se|xịs|mus , der; -, …men [engl. sexism]:
1. <o. Pl.> Vorstellung, nach der eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei, u. die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, bes. der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts.
2. etw., was auf Sexismus beruht, sexistische Verhaltensweise.

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I
Sexịsmus
 
[von lateinisch sexus »Geschlecht«; der Begriff reflektiert aber auch die im angelsächsischen Sprachgebrauch mögliche Unterscheidung von sex »biologisch-natürlicher Geschlecht« und gender »sozial und historisch bestimmte Geschlechtseigenschaft«] der, -, Bezeichnung für jede Art der Diskriminierung, Unterdrückung, Verachtung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts sowie für die Ideologie, die dem zugrunde liegt. Sexismus beruht auf der Vorstellung, dass die durch die Natur den Menschen gegebenen Geschlechtseigenschaften zugleich soziale Wertunterschiede darstellen, die eine Minderung der Lebenschancen bestimmter Menschen rechtfertigen.
 
 Begriffsentstehung und Begriffsinhalt
 
Der Begriff Sexismus wurde in den 1960er-Jahren in den USA im Zuge der Formierung einer neuen Frauenbewegung mit der Entsprechung zum Begriff Rassismus gebildet. Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand er durch die Veröffentlichung der Studie »Sexismus« von Marianne Janssen-Jurreit (* 1941) und die feministische Diskussion der 1970er-Jahre (Feminismus). Mit dem Begriff Rassismus teilt Sexismus die kritische Intention, einen gesellschaftlichen Missstand zu benennen, ins Bewusstsein zu rufen und auf dessen Beseitigung hinzuwirken.
 
Da es zum Grundbestand patriarchalischer Gesellschaftsordnungen, Denksysteme, Religionen und Praxisformen gehört, Frauen in Abhängigkeit von Männern und ihnen gegenüber als zweitrangig darzustellen (wobei die Dominanz der Männer mit Verweis auf die »Natur« gerechtfertigt wird), richtet sich der Vorwurf des Sexismus besonders gegen Formen geschlechtsspezifischer Benachteiligungen von Frauen; der in der Gesellschaft (bislang) seltene umgekehrte Fall, die geschlechtsspezifische Diskriminierung von Männern, kann jedoch ebenfalls mit diesem Begriff bezeichnet werden.
 
Zu den Faktoren, die der Begriff Sexismus berücksichtigt, gehören zunächst all diejenigen, die die Einstellungen, das Bewusstsein, die Gefühle, die Normen und Werte der Menschen in einer frauendiskriminierenden Weise bestimmen. Diese werden durch Traditionen, Erziehungsstile, Leitbilder und weltanschauliche sowie religiöse Vorstellungen geformt.
 
Des Weiteren steht der Sexismus im unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen, die die soziale, politische, rechtliche und ökonomische Gleichstellung von Frauen mit dem Hinweis auf ihre Geschlechtszugehörigkeit verhindern oder die vorhandene Ungleichheiten rechtfertigen. Sexismus findet sich in psychischen Dispositionen, in Vorurteilen und Weltanschauungen ebenso wie in sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Regelungen, schließlich auch in der Form faktischer Gewalttätigkeit im Verhältnis der Geschlechter und in der Rechtfertigung dieser Gewaltstrukturen durch den Verweis auf eine »naturgegebene« Geschlechterdifferenz.
 
Bei der Betrachtung der Formen von Sexismus lassen sich in Analogie zur Friedens- und Konfliktforschung, die zwischen personaler und struktureller Gewalt unterscheidet, ein in den Gesellschaftsstrukturen und in in der Geschichte begründeter struktureller (institutioneller) Sexismus ausmachen.
 
Um Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit überhaupt als gesellschaftlichen Skandal wahrnehmen zu können, bedurfte es eines Maßstabes, dem zufolge das Streben nach individuellem Glück und die von »Natur« gegebene Gleichheit der Menschen zu den universalen und unveräußerlichen Menschenrechten zu zählen sind. Dieser Maßstab entstand erst allmählich in der europäischen Neuzeit im Zuge von Aufklärung, Französische Revolution, Liberalismus und Arbeiterbewegung und beinhaltete zunächst jedoch keinesfalls die Gleichberechtigung der Frauen im heutigen Sinn. Vorläuferinnen der Frauenbewegung riskierten ihr Leben, z. B. Olympe de Gouges (* 1748, ✝ 1793), die wegen ihres Eintretens für die völlige rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Frauen auf dem Schafott endete.
 
 Kulturhistorische Aspekte
 
Die Annahme, es habe in der Geschichte sozialer Evolution durchgängig auch eine Stufe matriarchaler Gesellschaftsorganisation gegeben, ist das Thema weit reichender Kontroversen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung lässt sich die Annahme eines Matriarchats sowohl als generelles Stadium der menschlichen Familienentwicklung wie auch als universelle Kulturstufe empirisch nicht nachweisen. Unbestritten dagegen ist die Existenz matrilinearer Organisationen, die jedoch keine Rangordnung der Geschlechter im Sinne von Sexismus begründeten. Sie könnten im Gegenteil eher als ein Beispiel für die Möglichkeit stehen, dass ungleiche Tätigkeitsbereiche nicht zwangsläufig ungleiche Wertigkeiten nach sich ziehen müssen.
 
Für die unter Sexismus gefassten sozialen, rechtlichen, politischen und ökonomischen Benachteiligungen von Frauen können verschiedene historische Faktoren genannt werden, deren Gewichtung im Einzelnen umstritten ist. Zu den maßgeblichen Faktoren gehören die Ausbildung einer androzentrischen Macht- und Herrschaftskonzentration sowie die Durchsetzung einer Männerdominanz in Fragen der Eigentumsordnung, der Erbfolge und der Familienhierarchie. Diese Entwicklung spiegelt sich nicht zuletzt in zentralen Vorstellungen einiger Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam).
 
Verachtung und Unterdrückung der Frauen lassen sich auch in den Mythen und Erzählungen der Völker sowie in der spätmittelalterlichen Schwankliteratur finden, deren sexistische Pointen zum Teil heute noch in Witzen weiterleben und so den Fortbestand der darin geäußerten sexistischen Vorstellungen belegen. Ebenso ist im Zusammenhang sexistischen Denkens die Vorstellung der Scholastiker zu nennen, Frauen seien in der Schöpfung missratene oder unfertige Männer, sowie der bis heute praktizierte Ausschluss der Frauen vom Priesteramt in der katholischen Kirche.
 
In der Kunst- und Kulturgeschichte steht der bei der Darstellung des Weiblichen oft anzutreffenden Verklärung der Frauen durch Idealisierung die Dämonisierung beziehungsweise Verächtlichmachung in Form mythischer und literarischer Gestalten gegenüber (z. B. Lilith, Lulu, Pandora, Medusa, Kassandra, Xanthippe, Hekabe, Salome). Sowohl Idealisierung wie Dämonisierung gipfeln in der Ansicht, dass die Frau als das vermeintliche Naturwesen dem Mann als dem Kulturheros gegenübersteht und an ihm gemessen als gefährlich, unsittlich, unerziehbar und wertlos anzusehen sei.
 
Ähnlich wie beim Rassismus, der den »Wilden« eine entsprechende Stelle anweist, wurde im 19. Jahrhundert auch für den Sexismus ein Diskurs der Deformation, Verachtung und Ausgrenzung von Frauen entwickelt und mit wissenschaftlichem Anspruch geschichtsphilosophisch, naturwissenschaftlich oder anthropologisch »abgesichert«. Das Spektrum dieser Schriften reicht von Pamphleten wie P. J. Möbius' »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes« (1900) bis zu scheinbar wissenschaftlichen, kulturkritischen und medizinischen Abhandlungen, die es unternehmen, die Zweitrangigkeit der Frauen zu begründen, tatsächlich aber aus der Perspektive der Männer die »Krankheit Frau« (E. Fischer-Homberger) »therapieren« wollen. Den fragwürdigen Höhepunkt stellt hier Otto Weiningers Schrift »Geschlecht und Charakter« (1903) dar.
 
Eine zweitrangige Stellung nahmen die Frauen auch in der Gesellschaftstheorie und im Menschenbild der Aufklärung und des Liberalismus ein, indem sie bis ins 20. Jahrhundert hinein weitgehend rechtlich und politisch entmündigt blieben. Wenn überhaupt respektiert, erschienen sie in idealisierender Weise beschränkt auf die Existenz einer »schönen Seele«, während ihnen körperliche Selbstbestimmung oder die Wahrnehmung bürgerlicher Rechte vorenthalten wurden. Noch die sozialistische Arbeiterbewegung der 1920er-Jahre propagierte das Ideal der »sauberen Mädels und starken Genossen« (Michael Rohrwasser) und setzte insoweit den Sexismus der bürgerlichen Gesellschaft fort.
 
Ausdruck des Sexismus in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft sind v. a. eine Fülle von speziell oder überwiegend gegen Frauen gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen wie Hexenprozesse, Massenvergewaltigungen, Witwenverbrennungen und gesellschaftlich erzwungene körperliche Eingriffe von der Art des Einbindens der Füße, des Entfernens der Klitoris und der Infibulation sowie das Aussetzen und Vernachlässigen speziell der weiblichen Säuglinge und in neuerer Zeit auch das gezielte Abtreiben weiblicher Feten. - Zur Stellung der Frau in der Geschichte: Frau.
 
 Aktuelle Erscheinungsformen des Sexismus
 
Die Erscheinungsformen des Sexismus lassen sich auf drei Ebenen lokalisieren: Die erste Ebene ist die der Einstellungen, Vorurteile und psychisch-emotionalen Dispositionen, in denen Angst vor der Gleichstellung der Frauen mit Abwehr, Schuldgefühlen, Verachtung und Idealisierung ein im Einzelfall unauflöslichen Konglomerat bilden können, das wie bei ähnlichen psychischen Reaktionsbildungen rationaler Argumentation und Durchschaubarkeit nur wenig zugänglich ist. Auf einer zweiten Ebene finden sich die vielfältigen, diskriminierenden Formen eines zumeist durch Verachtung und Gewaltbereitschaft bestimmten Umgangs mit Frauen im Alltag, angefangen bei respektlosen Formen der Kontaktaufnahme (»Anmache«) über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz bis hin zu Vergewaltigung und erzwungener Prostitution. Eine Frauen verachtende oder ausgrenzende Sprache gehört ebenso wie die Reduktion der Frauen auf Sexualobjekte in Witzen, Werbung und Pornographie zu den sexistischen Erscheinungsformen im Alltag. Verbreitet ist auch die »zivilisiertere« Variante des Sexismus, indem Frauen auf ihre vermeintlich spezifisch weiblichen Eigenschaften der Passivität, des Helfens und der Pflegebereitschaft verpflichtet und ausgenutzt werden. Auf einer dritten Ebene finden sich schließlich die Formen des strukturellen (institutionellen) Sexismus, das heißt die organisierte, von gesellschaftlichen Institutionen wahrgenommene oder ausgeführte Benachteiligung von Frauen. Diese besteht auch in modernen Gesellschaften in fast allen Bereichen (Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Bildungsbereiche, Politik, religiöse und soziale Organisationen) weiter, besonders im Bereich der Elitenrekrutierung. So zeigen die Stellenkegel nahezu aller gesellschaftlich wichtigen Institutionen Verzerrungen zuungunsten der Frauen.
 
Gesamtgesellschaftlich zeigt sich Sexismus im Unvermögen und in den kulturell vermittelten Vorbehalten im Umgang mit gesellschaftlichen Problemstellungen, die Frauen besonders betreffen, z. B. in der lange zögerlich geführten Diskussion über die Strafbarkeit einer Vergewaltigung in der Ehe, an der von Unverständnis, Skepsis und Überforderung geprägten Haltung, mit der die Opfer in Vergewaltigungsprozessen häufig konfrontiert werden, und nicht zuletzt an den Argumenten, mit denen vonseiten der Befürworter der Strafbewehrung eines Abtreibungsverbots gegen die Vorstellung angegangen wird, die Verantwortung für diese Entscheidung den Frauen selbst zu überlassen.
 
Ausdruck von Sexismus in der Gesellschaft ist ebenfalls die traditionelle Rollenzuweisung der Frauen in der Arbeitswelt. So sind diese in vermeintlich »männlichen« Berufen sowie in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert und üben immer noch solche Tätigkeiten aus, die größere Empathie, Emotionalität, Passivität und Pflegeverhalten erfordern (z. B. als Krankenschwester oder Sekretärin). Allerdings hat hier seit den 1970er-Jahren ein Umdenken stattgefunden, als dessen Resultat so genannte »Männerberufe« zunehmend für Frauen geöffnet worden sind und die Zahl von Frauen mit weiterführenden Bildungsabschlüssen deutlich angestiegen ist. Ungeachtet dieser Entwicklung wird in neueren Untersuchungen darauf hingewiesen, dass Bildungsabschlüsse nicht zwangsläufig zu entsprechenden beruflichen Positionen führen, dass Frauen in gering entlohnten Berufen und Tätigkeiten überrepräsentiert sind und dass sie stärker als Männer von Arbeitslosigkeit betroffen sind.
 
Untersuchungen bezüglich der gesellschaftlichen Leitbilder, der Verteilung von Hausarbeit und der Planung von Lebensläufen in Lebensgemeinschaften weisen die Fortdauer der traditionellen Abhängigkeiten von Frauen nach. Fraglich ist, ob der vorhandene Trend zur Veränderung dieser herkömmlichen Strukturen und Vorstellungen anhält, zumal entsprechende Veränderungen der Arbeitswelt, die z. B. speziell die Doppelbelastungen der Frauen durch Beruf und Familie berücksichtigen, noch weitgehend ausstehen.
 
Die Auswirkungen sexistischer Verhaltensweisen potenzieren sich, wenn Sexismus gemeinsam mit anderen sozialen Diskriminierungen (z. B. Rassismus) und besonderen politischen oder gesellschaftlichen Problemlagen (Krieg, Armut, Obdachlosigkeit, Ausbeutung, Vertreibung, Völkermord) auftritt.
 
Auch auf der psychischen Ebene bleibt Sexismus nicht folgenlos. So können sich die Lebenserfahrungen in einer durch Sexismus bestimmten Gesellschaft bei Frauen in Selbsthass und Minderwertigkeitsgefühlen, im Unterwerfungsverhalten (Identifikation mit dem Aggressor), im Rückzug aus der Gesellschaft, in der (Selbst-)Stigmatisierung und in Krankheitsreaktionen niederschlagen. In diesem Zusammenhang steht auch das so genannte »Bienenköniginnensyndrom«, dem zufolge Frauen, die in einen gesellschaftlich hoch bewerteten Männerberuf arbeiten, dort geradezu gezwungen sind, sich als Ausnahmen darzustellen und männliche Normen im besonderen Maße zu übernehmen. Es sind jedoch nicht allein Frauen, die unter sexistischen Einstellungen leiden: Auch Männer werden aufgrund der sexistischen Differenzierung reglementiert, indem sie unter dem gesellschaftlichen Druck stehen, die als spezifisch »weiblich« identifizierten und diskriminierten Eigenschaften bei sich selbst und bei anderen ablehnen zu müssen. Hierzu werden gemeinhin Freiheiten im verbalen und nonverbalen Kommunikationsverhalten, Sensibilität und Verletzbarkeit gerechnet sowie die Bereitschaft, Ängste oder Schmerzen einzugestehen und erlittene Niederlagen und Misserfolge als solche anzunehmen.
 
In den modernen westlichen Gesellschaften wird der eingetretene Wandel der Geschlechterbeziehungen durch politische Maßnahmen flankiert, die die reale Gleichberechtigung aller Menschen zum Ziel haben. Allerdings werden diese Maßnahmen nicht selten dadurch konterkariert, dass entsprechende Regelungen umgangen werden oder ihre Wirksamkeit durch zu geringe Einflussmöglichkeiten begrenzt ist, so z. B. wenn der politische Status kommunaler Frauenbeauftragter auf den bloßer Ratgeber(innen) in »Frauenfragen« beschränkt bleibt.
 
In dem Bemühen um den Abbau von Sexismus in der Gesellschaft sind allerdings vereinzelt auch Vorstellungen erkennbar, die in die Richtung eines Sexismus mit umgekehrtem Vorzeichen weisen. Dieser »umgekehrte Sexismus« reicht von der Tatsache, dass Männern bestimmte Fähigkeiten abgesprochen werden, bis dahin, dass Frauen im Rahmen der Frauenemanzipation errungene (und von der Gesamtgesellschaft anerkannte) Erfolge benutzen, sich gegenüber Männern ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen. Solcherart extreme Verhaltensweisen müssen als Begleiterscheinungen eines mühsamen und keinesfalls geradlinig verlaufenden gesellschaftlichen Aushandlungs- und Wandlungsprozesses angesehen werden und stehen den Bemühungen um den Abbau von Sexismus in der Gesellschaft diametral entgegen.
 
 Erklärungsmodelle
 
Die feministische Theoriebildung hat seit den 1970er-Jahren im Wesentlichen drei Erklärungsansätze für die Ausbildung einer spezifischen Ideologie und Praxis des Sexismus entwickelt: Der sozialhistorische Ansatz sieht Sexismus v. a. als Ergebnis der Herausbildung zentralstaatlicher Herrschaftsstrukturen in bestimmten historischen Kontexten und zieht auch den Aspekt der geschlechtshierarch. Arbeitsteilung als Erklärungsgrund heran. Ergänzungen hat dieser Ansatz durch ethnologische Forschungen erfahren, die zeigen, dass sich geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Ausbildung von Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen nicht notwendig bedingen; vielmehr finden sich auch funktionale Gründe, die eine Verteilung der Arbeiten geboten erscheinen lassen, so die Gefährlichkeit des Jagens für schwangere oder stillende Frauen, ohne dass diese Differenzierung zur Ausbildung einer Geschlechterhierarchie führen muss.
 
Der soziologische Ansatz berücksichtigt v. a. die Entwicklung spezifischer Formen der Benachteiligung von Frauen im Zusammenhang der Industriegesellschaften seit dem 19. Jahrhundert, insbesondere die in den bürgerlichen Familienvorstellungen vorhandene Festlegung der Frauen auf Haushalts- und Konsumentinnenrollen, während die Befähigung zur Berufsausübung weitgehend vernachlässigt oder diskriminiert wurde. Die Beschreibung der traditionellen Hausfrauenehe als »institutionalisierter Sexismus« bezieht sich v. a. auf die strukturellen Einschränkungen in Lebensplanung und -führung, denen im Wesentlichen Ehefrauen und Mütter unterworfen sind, und stellt so ein Modell dar, an dem sich auch zeitgenössische Verhältnisse abbilden lassen.
 
Sozialpsychologische und psychoanalytische Erklärungsversuche
 
betonen dagegen die Bedeutung der kulturell vorgegebenen Leitbilder von »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« für die Aufrechterhaltung des Sexismus. Einen weiteren Aspekt sehen diese Ansätze in der Existenz von destruktiven Familienstrukturen mit den dazugehörenden Konflikten. Dabei wird betont, dass die Betroffenen den Mechanismus jener Strukturen in der Regel nicht durchschauen, die ihm entspringenden Konflikte also auch nicht verarbeiten können und sich in Reaktion auf diese von sexistischen Handlungsmustern leiten lassen.
 
 
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 S. Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplar. Unterss. zu kulturgeschichtl. u. literar. Präsentationsformen des Weiblichen (Neuausg. 81997);
 
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Zeitschrift: Beitrr. zur feminist. Theorie u. Praxis (1978 ff.).
II
Sexismus,
 
die Diskriminierung und Unterdrückung des weiblichen Geschlechts durch das männliche Geschlecht. Der Begriff wurde von der amerikanischen Frauenbewegung in Anlehnung an den Begriff Rassismus gebildet. Eigentlich meint Sexismus die generelle Benachteiligung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts und wird heute meist im Zusammenhang mit allen Formen geschlechtsspezifischer Benachteiligungen von Frauen verwendet. Ausdruck findet der Sexismus beispielweise in frauenfeindlichen Witzen und Redewendungen, Darstellungen der Frau als Sexualobjekt z. B. in der Werbung oder in Pornofilmen, aber auch in politischen Zusammenhängen, wie z. B. schlechterer Bezahlung bei gleicher Arbeit, unbezahlter Hausfrauenarbeit und schlechteren Aufstiegschancen. Dieses Verhalten entstammt der jahrtausende alten Überzeugung der Männer, den Frauen körperlich und geistig überlegen zu sein, wovon ein Teil der Männer selbst heute noch überzeugt ist.

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Se|xịs|mus, der; -, ...men [engl. sexism]: 1. <o. Pl.> Vorstellung, nach der eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei, u. die [aufgrund dieser Vorstellung für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, bes. der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts: um den S. der römisch-katholischen Kirche zu demaskieren (Kelly, Um Hoffnung 116). 2. etw., was auf Sexismus beruht, sexistische Verhaltensweise: ... Unternehmen, die sich über Arbeitszeitmodelle ... Gedanken machen, über S. am Arbeitsplatz (taz 15. 4. 99, 10); Und sie (= Polizistin) war offenbar nicht die erste und einzige Frau, die dort Mobbing, Ausgrenzung und S. zu spüren bekam (Zeit 25. 2. 99, 67); im Patriarchat mit seinen allgegenwärtigen Sexismen, die uns Frauen täglich vergrätzen (Spiegel 10, 1993, 249).

Universal-Lexikon. 2012.

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